Das Unternehmen „Kahle Sängerin“

Elmar Weingarten über Vladimir Horowitz in Berlin 1986

Nach mehr als einem halben Jahrhundert kehrte Vladimir Horowitz im Mai 1986 erstmals nach Deutschland zurück. Der Anfang der Geschichte dieser Wiederkehr ist geradezu irritierend banal, aber nicht untypisch für die meist recht routinierten Abläufe in einem Musikkulturbetrieb. Am Ende dieser Geschichte stehen drei in jeder Hinsicht bewegende, bejubelte Konzertbegegnungen in Hamburg und Berlin mit einem der größten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Vladimir Horowitz nach dem Konzert in der Berliner Philharmonie 1986, rechts daneben Ulrich Eckhardt (helles Jackett) , Peter Gelb (mit Brille) und (halb verdeckt) Elmar Weingarten.
Foto Klemens Beitlich

Erst wenige Wochen war ich bei den Berliner Festspielen tätig und erlebte in jenem September 1985 die Berliner Festwochen als eine aufregende Einarbeitungszeit. Und da geschah eines Tages das für diese Institution und ihren damaligen Intendanten Ulrich Eckhardt keineswegs Untypische: In meiner Post lag, fein säuberlich ausgeschnitten, Joachim Kaisers in der Süddeutschen Zeitung erschienener Bericht über seinen Besuch bei Vladimir Horowitz in dessen New Yorker Heim. Auf diesem Zeitungsausschnitt klebte einer dieser auffälligen kleinen gelben Arbeitsanweisungszettel mit der Bemerkung „Holen Sie den! E.“ Meine Reaktion war spontan und für jene, die das Musikgeschäft ein wenig kennen, auch nachvollziehbar: „Der spinnt“, dachte ich bei mir. Horowitz war das Pianisten-Idol meiner Jugend, als Austauschschüler in Amerika hatte ich mir alle Platten besorgt, die es damals gab. Jetzt saß ich, ein völliger Kulturbetriebsnovize, gleichwohl zuständig für das Musikprogramm künftiger Berliner Festwochen, und sollte diesen schwierigsten, unnahbarsten, entrücktesten, manche meinten sogar verrücktesten aller Pianisten zurück nach Deutschland holen – in das Land, dem er mit gutem Grunde vor mehr als einem halben Jahrhundert den Rücken gekehrt und das er nie wieder betreten hatte.

Nach mehr als zwanzig Jahren zurückblickend, denke ich, dass es auch meine ahnungslose Unbekümmertheit war, die letzten Endes zu dem überraschenden Erfolg führte. Ich rief also Ronald Wilford in New York an, den Chef von Columbia Artist Management, der mit unglaublichem Geschick und einem untrüglichen Sinn für Macht und Einfluss weite Teile des Weitmusikgeschäftes beherrschte. Irgendwie bekam ich ihn direkt ans Telefon und er beschied mir, bemüht höflich, aber doch mit spürbarer Herablassung, Horowitz nach Berlin zu holen sei eine recht naive und ziemlich aussichtslose Idee: „He’ll never go to Germany.“ Aber nicht er sei für Horowitz zuständig, sondern Peter Gelb, und der sei in London – ich könne, wenn ich wolle, ihn dort anrufen. Ich erreichte Peter Gelb in London und erhielt von ihm eine ähnliche, keineswegs freundlichere Abfuhr. „No chance. He will never go to Germany!“ Doch meinte er in seinem recht lapidaren Kommunikationsstil, mit dem ich erst viel später besser umgehen konnte, dass ich doch – „if you want to hear a good concert“ – am nächsten Sonntag (dem 17. November 1985) zum Horowitz-Recital in die Mailänder Scala kommen solle: „two hundred bucks“ – das war der Dollar-Preis für das noch zu erstehende Ticket.

So also sah der Start meines Horowitz-Nach-Deutschland-Hol-Manövers aus: miserabel und schier aussichtslos. Außerdem missfiel mir der Stil, in dem diese ersten Kontakte abliefen. Ich zögerte, nach Mailand zu fahren – und tat es schließlich doch. Auf Einladung guter Freunde in der Scala konnte ich das Konzert in ihrer Loge hören. Es war in der Tat ein hinreißendes Erlebnis. Zum ersten Mal wurde ich Zeuge dieses unvergleichlichen Klavierspiels, von dem Tonaufzeichnungen nur eine vage Ahnung vermitteln. Die knisternd vibrierende Spannung im Publikum, die Horowitz durch einen zeitlich leicht verzögerten Auftritt noch steigerte, und dann zu Beginn drei herrliche Scarlatti-Sonaten, die man von ihm schon dutzende Male auf Schallplatten gehört hatte, die aber jetzt, mit jener beiläufigen improvisatorischen Geste geboten, zu kleinen Wundern an geist- und farbenreicher Pianistik erblühten. Das ganze Konzert war überwältigend.

Wie immer bei Horowitz, fand es am Sonntagnachmittag um vier statt. Tags zuvor, am Samstagnachmittag um vier, hatte ich eine Verabredung mit Peter Gelb in seinem Hotel, um vielleicht doch noch mit meiner, wie es schien, chancenlosen Akquisitionsaufgabe etwas weiter zu kommen. Der Agent jedoch war nicht zur Stelle. Ich rief ihn an und er vertröstete mich auf fünf. Er hatte den Termin vergessen. Für mich ein deutliches Zeichen seines Desinteresses, und die Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines Horowitz-Unterfangens wurden immer größer. Ärger kam allmählich auf. Um 5 Uhr saßen wir dann endlich in der Hotelbar zusammen und Peter Gelb ließ zunächst einmal mich reden. Was mein Begehr sei und insbesondere warum und wie ich mir das gedacht hätte. Dann, nach vielleicht zehn Minuten Gespräch, sagte er ganz unvermittelt: „I tell you what we’lI do!“ Und Gelb entwickelte aus dem Stand einen minutiösen Plan, wie man Horowitz nach Deutschland locken könnte. Über dessen Heimkehr nach Russland hatte er wohl schon mehrmals nachgedacht und auch mit Horowitz darüber gesprochen, doch die Pläne waren offenbar bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr konkret. Peter Gelbs Idee war nun, die frühen Stationen dieser unvergleichlichen Musikerkarriere noch einmal aufleben zu lassen. Das bedeutete zunächst Konzerte in Moskau und in Leningrad (heute St. Petersburg), wo Horowitz seine ersten künstlerischen Erfolge gefeiert hatte. Das nächste Ziel würde Hamburg sein, wo die internationale Musikwelt 1926 auf den jungen Einspringer in Tschaikowskys b-MolI-Klavierkonzert aufmerksam geworden war, und dann Berlin – die Stadt, in der er bis Anfang der 1930er-Jahre mit Solo Auftritten und in Philharmoniker-Konzerten für musikalische Sternstunden gesorgt hatte.

Die ersten Minuten mit dem Ehepaar Horowitz in der Berliner Philharmonie

Wanda erschrak, als sie das Rund der Scharounschen Weinberge sah – und erschreckte uns und ihren Vladimir mit dem apodiktischen Ausruf „Hier spielen wir nicht!“. Ihr schien ausgeschlossen, dass Musik anders als frontal zu erleben sei. Zum allgemeinen Glück kam es ganz anders: Horowitz schob Wanda, Toscaninis energische Tochter, beiseite und war so entzückt von der Zirkusarena, dass er bei überausverkauftem Haus alle vergeblich auf Einlass wartenden Kartenlosen aus der Kassenhalle holen ließ und einlud, um ihn herum auf dem Boden des Podiums ganz nah am Flügel zu sitzen.

Ulrich Eckhardt

Peter Gelb und ich entwickelten sehr spontan Sympathie füreinander und wurden im Laufe der nächsten Monate Freunde. Mir ist nie ganz klar geworden, was Gelb dazu bewogen hat, nach nur wenigen Minuten geradezu freundschaftlich-konspirativ mit mir diesen Deutschland-Plan auszuhecken. Es war sicherlich eine Mischung aus mehreren Elementen, die über das unmittelbare persönliche Vertrauen hinausgingen. Zum einen hatten wir bei den Berliner Festspielen für die Festwochen der Jahre 1986 und 1987 – aber auch später immer wieder – einzelne Programme und Projekte zu dem Thema „Musik aus dem Exil“ konzipiert. Wir benannten dieses Themenfeld „Verdrängte Musik“, um den doppeldeutigen Charakter der Folgen dieses verhängnisvollen Abschnitts der deutschen Geschichte erkennbar zu machen. Mit der physischen Verdrängung jüdischer und anderer missliebiger Künstler aus ihrem deutschen Wirkungs­­­zusammenhang war ja auch eine mentale Verdrängung dieser Künstler und ihrer Kunst einhergegangen.

Peter Gelb und ich entwickelten sehr spontan Sympathie füreinander und wurden im Laufe der nächsten Monate Freunde. Mir ist nie ganz klar geworden, was Gelb dazu bewogen hat, nach nur wenigen Minuten geradezu freundschaftlich-konspirativ mit mir diesen Deutschland-Plan auszuhecken. Es war sicherlich eine Mischung aus mehreren Elementen, die über das unmittelbare persönliche Vertrauen hinausgingen. Zum einen hatten wir bei den Berliner Festspielen für die Festwochen der Jahre 1986 und 1987 – aber auch später immer wieder – einzelne Programme und Projekte zu dem Thema „Musik aus dem Exil“ konzipiert. Wir benannten dieses Themenfeld „Verdrängte Musik“, um den doppeldeutigen Charakter der Folgen dieses verhängnisvollen Abschnitts der deutschen Geschichte erkennbar zu machen. Mit der physischen Verdrängung jüdischer und anderer missliebiger Künstler aus ihrem deutschen Wirkungszusammenhang war ja auch eine mentale Verdrängung dieser Künstler und ihrer Kunst einhergegangen.

Ulrich Eckhardt und mir lag daran, möglichst viele der Komponisten und Interpreten nach Berlin einzuladen, die vor dem in den 1930er-Jahren tödlich werdenden deutschen Antisemitismus noch rechtzeitig fliehen konnten. Das neu auflebende Interesse an dem Komponisten Berthold Goldschmidt ist beispielsweise diesen Bemühungen zu verdanken. Zum anderen war es aber sicher auch die Überzeugung Peter Gelbs, in den Berliner Festspielen eine von der öffentlichen Hand, vom Bund und vom Land Berlin geförderte Institution gefunden zu haben und damit einen der miteinander konkurrierenden privaten Veranstalter vermeiden zu können. Wie dem auch sei: Wir fassten sehr schnell Vertrauen zueinander und dieses hält bis heute.

Wir hatten also wagemutig einen ersten Plan gefasst. Mir erschien das damals in Mailand alles noch völlig unrealistisch, als ein irrwitziger Traum. Am Sonntagabend nach dem Mailänder Konzert veranstaltete die Mailänder Scala zu Ehren von Mr. Vladimir Horowitz und Mrs. Wanda Toscanini Horowitz ein Dinner – Wanda legte großen Wert auf den Bestandteil „Toscanini“ in ihrem Namen. Ich saß mit den Freunden von der Scala an einem entlegenen Tisch, als Peter Geld ganz unvermittelt zu mir kam und mich fragte, ob ich Mr. Horowitz kennen lernen wolle. Ich ging also mit ihm zu Horowitz und der alte Schelm brachte mich mit der für ihn – wie ich später erfuhr – typischen Frage in Verlegenheit: „How did you like my concert?“ Angenehm war, dass er eigentlich keine Antwort erwartete, sondern gleich sagte: „And next year I’m coming to Hamburg and Berlin!“ Entgeistert sah ich Peter Gelb an, der mir mit ein paar geflüsterten Worten bedeutete, dass er ein erstes Gespräch mit Horowitz über die Idee gehabt habe. Gelb war wohl selbst überrascht, wie offen Horowitz mir gegenüber das Thema ansprach.

Nun begannen die aufregendsten Wochen meiner Tätigkeit in Berlin. Das Wichtigste war, bestimmte Verhaltensregeln einzuhalten. Horowitz hatte sich ausbedungen, dass ohne seine Zustimmung nichts veröffentlicht werden dürfe. Er wollte sich auch bis zum letzten Moment die Option vorbehalten, die Konzerte in Hamburg und Berlin, aber auch die ganze Tournee abzusagen. Alle Verhandlungen mussten geheim bleiben. Niemand sollte davon erfahren, die Musikwelt überrascht werden. Das war nicht ganz einfach, und es wurde noch vertrackter, als Peter Gelb schon nach ein paar Tagen aus New York anrief und mir mitteilte, dass Horowitz schon im Mai 1986 kommen wolle und nicht erst im Herbst zu den im September üblichen Festwochen. Es gab Krisensitzungen: Können, dürfen, sollen wir uns das leisten – und dann auch noch außerhalb der Festwochen? Schließlich bejahten wir alle mutig das Horowitz-Abenteuer.

Nun galt es, in der Philharmonie außerhalb der Festwochen einen freien Termin zu ergattern. Es gelang, doch niemand durfte wissen wofür. Wir logen, was das Zeug hielt: Es würde sich um eine berühmte Sängerin handeln, aber den Namen könnte ich beim besten Willen noch nicht preisgeben. Das festspiel-interne Code-Wort lautete „die kahle Sängerin“. lonesco musste also herhalten für die Verschlüsselung unseres Unterfangens. Ihm hätten diese Absurditäten vielleicht Spaß gemacht. Peter Gelb und ich verhandelten die Details. In meinem Weihnachtsurlaub in den Schweizer Bergen tippte ich auf einer alten Erika den ersten Vertragsentwurf für die Horowitz-Konzerte in Deutschland. Inzwischen hatte ich auch mit dem Hamburger Senat für das Konzert in der Musikhalle heimlich alles geklärt.

Vereinbart war, dass Peter Gelb und ich gemeinsam die Wiederkehr von Vladimir Horowitz nach Deutschland auf einer Pressekonferenz in Berlin bekannt geben würden. Doch Horowitz, der alte Schalk, vereitelte das. Im Februar 1986 bekam ich eines Nachmittags einen Anruf von Peter Gelb: Horowitz habe soeben der New York Times ein Interview gegeben und dort seine Moskau-Leningrad-Hamburg-Berlin-Pläne ausgeplaudert. Ich hätte jetzt noch sechs Stunden Zeit, um der Veröffentlichung der New York Times zuvorzukommen. Bereits am nächsten Vormittag verkündete der damals auch für die Berliner Festspiele zuständige Kultursenator Volker Hassemer in der sehr beliebten Radiosendung Klassik zum Frühstück die Sensation.

Der Vorverkaufstermin wurde bekannt gegeben, und schon bald begannen in Hamburg und Berlin die zu erwartenden Kämpfe um die Tickets. Die bei den Festwochen Beschäftigten sahen sich plötzlich den Zudringlichkeiten einer immer größer werdenden Schar neuer Freunde ausgesetzt, die auf Karten hofften. Schon zwei Tage vor Beginn des Vorverkaufs bildeten sich in Berlin lange Schlangen vor der Philharmonie und vor dem Kartenbüro der Festspiele in der Budapester Straße. Die benachbarten Touristik-Trödler bangten um ihr Geschäft und beschwerten sich. In einem riesigen Einkaufswagen waren mehr als tausend schriftliche Bestellungen gesammelt worden. Rührend anzusehen waren die Schlangen vor den Kassen der Musikhalle: Damen der Hamburger Gesellschaft in unterkühlter hanseatischer Twinset-Eleganz, die sich stundenweise abgewechselt hatten bis zur Öffnung der Kassen, standen stoisch zwischen lässig gekleideten Studenten, die sich mit ihren Schlafsäcken auf zwei unkomfortable Nächte eingestellt hatten. Innerhalb von nicht einmal zwei Stunden waren in Hamburg wie auch in Berlin alle Karten verkauft, und das bei Preisen, die bis dahin nie erreichte Regionen von über 300 DM erklommen (Horowitz hatte allerdings gegenüber Peter Gelb darauf bestanden, dass auch ein paar hundert Karten zum Preis von 25 DM für Studenten zur Verfügung standen). Binnen kurzem begann der Schwarzmarkt die ersten bedauerlichen Blüten zu treiben.

Die Konzertreise von Vladimir Horowitz begann in Moskau – ein Riesenerfolg, der sich in einem beeindruckenden Video-Dokument (Horowitz in Moscow) erhalten hat. Dem russischen Publikum ist das Besondere nicht verborgen geblieben: Horowitz war einer der ihren, ein Landsmann, der die russische Musikkultur in die Welt getragen hatte – wie seine Freunde Nathan Milstein und Jascha Heifetz – und der bis zu diesem Konzert nie wieder zurückgekehrt war. Die Wiederbegegnung mit ihm hat das Publikum zu Tränen gerührt – auch in Leningrad. Horowitz hat die Rückbenennung der Stadt an der Newa in St. Petersburg nicht mehr erlebt: Am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, haben wir ihn in Mailand zu Grabe getragen.

Die Woche in Leningrad wurde überschattet von der Katastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986. Horowitz war Gast im amerikanischen Konsulat, und wir hatten – ganz anders als die russische Bevölkerung – recht genaue Informationen über das, was in Tschernobyl passiert war. Man fürchtete, dass eine radioaktive Wolke über Leningrad ziehen könnte, und Horowitz dachte über eine sofortige Rückkehr in die USA nach. Doch Peter Gelb war einfalls- und erfolgreich in seinen Bemühungen, ihm die Heimreise auszureden. Unvergesslich ist Horowitz’ Bemerkung, nachdem wir ihm klar gemacht hatten, dass sich eine eventuelle radioaktive Belastung bei ihm erst in Jahrzehnten auswirken würde: „Apres moi le deluge!“ Damit war das Thema erledigt. Er hatte dies dann auch bereits völlig vergessen, als wir einige Tage später mit dem Flugzeug in Frankfurt eintrafen. Horowitz ging als erster die Gangway hinunter und wurde von einem freundlichen Beamten mit einem Geigerzähler empfangen: Gottlob stellte dieser keine radioaktive Belastung fest – bei uns allen nicht.

Horowitz hat in den letzten Jahrzehnten seines Lebens Konzerte nur sonntagnachmittags um vier gegeben. Er war überzeugt, dass dies nicht nur für ihn und seinen Tagesrhythmus die beste Zeit sei, sondern auch für das Publikum: Es habe am arbeitsfreien Sonntag Zeit, sich auf das Konzert um vier zu freuen, und komme ausgeruht zu Horowitz. Hinterher könne man noch bei einem schönen Abendessen das Ereignis ausklingen lassen. Wahrscheinlich hatte er Recht. So verbrachte Horowitz eine Woche in Hamburg und vergnügte sich, traf sich mit Freunden, aß seine Seezungen und ging gerne in die Oper. In Hamburg besuchten wir abends eine Ballettaufführung. Bei seinem Erscheinen im Zuschauerraum empfing ihn donnernder Applaus, worauf seine Frau Wanda, die keine Gelegenheit für eine bissige Bemerkung ungenutzt verstreichen ließ, rief: „So you’ve had your success, now let’s leave.“ In Berlin war es ähnlich: jeden Abend Seezunge, vorher ein Consommé und hinterher Tarte aux pommes – stets in derselben Gesellschaft im selben Restaurant am Kurfürstendamm, das im Laufe der beiden Wochen immer beliebter und belebter wurde. In der Oper wollte Horowitz den Figaro sehen – auch hier großer Applaus, als er im Parkett erschien. Die Inszenierung von Götz Friedrich gefiel ihm sehr, doch bei einem der Soprane hatte er seine Einwände. Er wandte sich mir zu und sagte recht laut: „She needs Franz Mohr.“ Franz Mohr war sein Klavierstimmer, dem er als Einzigem sein Klavier anvertraute; offenbar überzeugte ihn die Intonation der Sängerin nicht besonders.

Am Samstag vor dem ersten Konzert in Hamburg gab es – natürlich um vier – eine Generalprobe, an deren Ende fotografiert werden durfte. Viele der schönen Fotos, die wir heute von Horowitz kennen, sind dort entstanden. Besonders beeindruckend war Folgendes: Er spielte ein paar Takte auf seinem Flügel und war unzufrieden mit der Akustik. Der Klang strahlte nicht, er war nicht voll, blieb vorne auf der Bühne stecken. Horowitz blickte sich nach allen Seiten um und bat dann lediglich darum, den Flügel um 20 cm nach hinten zu verschieben, und siehe da: Der Klang strahlte, Horowitz auch und war zufrieden. Das Konzert gelang, wie zu erwarten, großartig. Insbesondere beeindruckte Schumanns Kreisleriana, in der Horowitz seine Vorstellung vom irrwitzigen Kapellmeister Kreisler fernab jeder eingeführten Interpretationsroutine ausspielte.

Horowitz wollte bei seiner Rückkehr ganz bewusst zuerst nach Hamburg, wo er im Januar 1926 seinen ersten internationalen Triumph gefeiert hatte. Doch war Berlin, das stellte sich dann heraus, das eigentliche Ziel. Hier hatte er unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter mit den Berliner Philharmonikern konzertiert und umjubelte Klavierabende gegeben. Im Mai 1986, fast sechs Jahrzehnte später, wurde er in Berlin wirklich empfangen wie der König der Pianisten. Die Presse kümmerte sich um ihn, die Politiker begegneten ihm aufmerksam, und Autogrammjäger belagerten sein Domizil, das Hotel Kempinski. Es war ein Segen, dass einer dieser Unterschriftensammler ihm erzählte, der Tauschwert seiner Autogramme sei 3:1. was in Berlin bedeutete: drei Autogramme von Horowitz gegen eins von Karajan. Horowitz hörte sofort auf, Autogramme zu schreiben.

Immer wieder sprach er über die Philharmoniker, mit denen er sehr gerne erneut musiziert hätte, und er bat Peter Gelb und mich, Überlegungen anzustellen, wie das zu realisieren sei. Ihn stimmte traurig, dass das Orchester jetzt nicht in der Stadt war, sondern bei den Pfingstfestspielen in Salzburg auftrat.

Auch das Konzert am 18. Mai 1986 in der Berliner Philharmonie verlief höchst beeindruckend. Selten habe ich so etwas erlebt: Als Horowitz auf der Bühne erschien, gab es einen jubelnden Aufschrei, das Publikum begrüßte ihn stehend mit einer ersten Ovation. Am Ende des Konzerts spielte Horowitz, dem das Gehen sichtlich Mühe machte, wie schon in Hamburg seine drei Zugaben; dann verließ er die Bühne. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, ein den Künsten wie keiner seiner Vorgänger und Nachfolger aufgeschlossener Mann, gab für Horowitz und Gattin einen kleinen Empfang in Karajans Allerheiligstem, dessen Garderobe, die ich an diesem Abend zum ersten Mal betreten durfte. Nach etwa zehn Minuten klopfte jemand an und sagte, dass das Publikum noch immer klatsche. Peter Gelb meinte zu Horowitz, er müsse nochmals auf die Bühne: „You have a love affair with this public.“ Beherzt hoben wir den Erschöpften aus seinem Sessel und brachten ihn auf die Bühne, um die herum seit einer Viertelstunde noch etwa 1000 Menschen standen und ihm nun erneut zujubelten. Das hat ihn sichtlich überwältigt; es war in der Tat unfassbar. Das war kein Hype, sondern hier äußerte sich tiefe Dankbarkeit für einen Künstler, der den Weg nach Deutschland zurück gefunden hatte und mit seinem Klavierspiel, ja mit der besonderen Art seines Klavierspiels, Erinnerungen an die Musikkultur der Jahre vor 1933 lebendig werden ließ. In einem späteren Gespräch sagte mir Horowitz einmal: „Auf dieses Publikum habe ich sechzig Jahre verzichten müssen.“

Wenige Stunden später spielte sich dann im Hotel eine schier unbegreifliche Szene ab. Die rührende Giuliana, die das Ehepaar Horowitz umsorgte, bat Wanda, sie solle doch in das Zimmer ihres Mannes gehen und dem Erschöpften etwas Nettes sagen. Wanda ging zu ihm und sagte schnippisch: „If you liked it so much, why don’t you give a repeat concert?“ Er strahlte und rief ganz spontan: „Good idea. Where is Elmar?“ Gemeint war ich. In wenigen Minuten fanden Peter Gelb und ich heraus, dass ein Konzert am darauf folgenden Samstag um vier möglich war. Beim Abendessen beschrieb Horowitz die Speisekarte und reichte sie mir über den Tisch. Darauf stand: „Next week repeat concert, half new program, and half the fee! Vladimir Horowitz.“ Mündlich fügte er dann noch hinzu: „same wife“. Und alles begann von neuem.

Elmar Weingarten, 1985 bis 1990 Leiter der Musikabteilung der Berliner Festspiele

Der Text wurde erstmals veröffentlicht in der CD „Horowitz – das legendäre Berliner Konzert, 18. Mai 1986“, erschienen bei Sony Music.