So 18. Oktober 2020 – Klavier + Film – Wladimir Rebikow

Sonntag, 18. Oktober 2020, 18 Uhr
Gemeindesaal Dahlem 
Thielallee 1 / Ecke Königin-Luise-Str.
U-Bahn Dahlem-Dorf

Meisterwerke – fast vergessen – wieder entdecken

Szenen aus den Kurzfilmen von Iwona Mickiewicz, Kamera Bernd Krüger

Wladimir Rebikow 1866-1920

Ulrich Eckhardt, Klavier
Iwona Mickiewicz, Kurzfilme (Kamera, Schnitt Bernd Krüger)


Rêves de bonheur (1890) Träume vom Glück
Andante sostenuto – Andante sostenuto – Moderato – Lento – Andante

Tondichtungen op. 13 (1897)
No. 1 Fatalité・Verhängnis – No. 2 Au Caucase ‧ Am Kaukasus – No. 8 Appel ‧ Anrufung – No. 10 Doute ‧ Zweifel

Les Rêves op. 15 (1899) Träume – Mélomimiques
Naïade ‧ Wassernymphe – Les Démons s’amusent ‧ Die Dämonen amüsieren sich – Le Faune ‧ Der Faun – La Néréïde ‧ Die Seenymphe – Dans la forêt ‧ Im Wald

Tristesse (1903) Traurigkeit – Étude musical-psychologique

Mélomimiques op. 17 (1903) Klanggebärden
No. 1 Träumerei – No. 2 Idylle

Parmi eux op. 35 (1906) Bei uns auf dem Lande
Ils dansent ‧ Alle tanzen – Danse avec une cloche ‧ Tanz mit einer Glocke –
Berceuse ‧ Wiegenlied – Danse des petits ‧ Tanz der Kinder

Une fête op. 38 (1907) Jahrmarkt
Vivo – Vivo – Allegro – Vivo – Presto – Vivo – Andante

Silhouettes op. 31 Schattenbilder
Les enfants patinent ‧ Kinder beim Schlittschuhlaufen ‧ Musiciens ambulants ‧ Straßenmusiker – Jeu aux soldats ‧ Spiel mit Soldaten – La fée ‧ Die Zauberin –
Le berger joue du chalumeau ‧ Der Hirte spielt auf einer Schalmei

Les danses op. 51 (1914) Tänze
No. 1 Allegretto – No. 4 Allegretto

Idylles op. 50 (1913) Schäfergedichte
Hymne au soleil ‧ Hymne an die Sonne – Dans un vaste éspace ‧ Im weiten Raum –
Parmi les fleurs ‧ Unter Blumen

Souvenir des temps passés (1914) Erinnerung an vergangene Zeiten
No. 1 Andante – No. 2 Andante – No. 5 Andante – No. 6 Allegretto


Wladimir Rebikow, Postkarte 1910

Von einigen Opern und melo­dramatischen Werken abgesehen ist der im Mai 1866 im sibirischen Krasnojarsk geborene, 1920 in Jalta gestorbene russische Komponist Wladimir Rebikow als Meister der kleinen Formen am Klavier bekannt geworden. Viele seiner originellen Charakterstücke kommen mit nur einer Druckseite aus, beschränken sich auf einen einzigen melodischen oder harmonischen Einfall und bringen den musikalischen Gedanken auf den Punkt.

Seine kurzen, scheinbar naiv-kindlichen Klavierstücke sind von elementarer Direktheit und Kühnheit; sie sind weitaus mehr als nur klanglich reizvolle Miniaturen. Sie eignen sich mit ihrer bildhaften Thematik nicht nur für den Klavierunterricht, sondern auch für
anspruchsvolle Konzertprogramme. Darüber hinaus sind sie Dokumente eines zu Unrecht weithin vergessenen Pioniers der Moderne.

In seinen frühen Kompositionen ging der in Moskau und Berlin ausgebildete Musiker von Tschaikowsky und der deutschen Spätromantik aus, bevor er um 1900 einen charakteristischen eigenen, mit impressionistischen Klangmitteln erweiterten Klavierstil entwickelte. Er begann, mit Quarten, Ganztonskalen und Ostinati zu experimentieren und erforschte polytonales Neuland.

Eine Montage von Beispielen aus den Jahren zwischen 1899 und 1913 entlang der Lebenszeit des Komponisten evoziert einige überraschend suggestive Meister­werke, die wieder zu entdecken sich lohnt. 

Die den Mittelteil des Programms begleitenden Kurzfilme von Iwona Mickiewicz übertragen das Spielerisch-Tänzerische, das Tollkühne und Geistreiche der musikalischen Episoden in Bilder – eine Hommage mit Augenzwinkern. Sie greifen das Theatralische der Klavierstücke auf, lassen aber nicht die in den Stücktiteln beschworenen Natur-Idyllen wie Nymphen, Faune, Feen, Hirten und auch keine Glocken und Schalmeien auftreten. Die visualisierten klingenden Miniaturen sind wie Kurzgedichte mit zwei Pointen gleichzeitig – am Anfang und am Ende.

Fünf Ruhe und Melancholie ausstrahlenden Klavierstücke mit dem Titel „Träume vom Glück“ eröffnen den multimedialen Klavierabend. Die bitonalen Stücke „Dans un vaste éspace“ und No. 4 aus „Les danses“ oder die nur auf weißen Tasten zu spielenden „Hymnes au soleil“ und „Parmi les Fleurs“ könnte Erik Satie komponiert haben.

Satie und Rebikow, beide im Mai 1866 geboren, begegneten sich nie und legten Wert darauf, dass ihre Musik neue Wege eröffnen sollte. Ähnlich wie Erik Satie in Frankreich schlägt Rebikow die Brücke zwischen später Romantik und Impressionismus hinüber in die Neue Musik des frühen 20. Jahrhunderts. Er hat für sich selbst eine Vorreiterrolle in Anspruch genommen und bezeichnet seine Kompositionen als psychologische Musik; aber das gilt schon für Robert Schumann, den späten Liszt und die französischen Impressionisten.  Nur steigert Rebikow die Wirkung mit unkonventionellen kompositorischen Mitteln wie dem exzessiven Gebrauch von Ganztonleitern, offenen Schlüssen, Ostinati, Bitonalität  und außergewöhnlichen Intervallsprüngen sowie – erstmals in der Musikgeschichte – mit Clustern.

Nach eigenen Worten (1909) sei Musik eine Sprache der Gefühle, ein Medium der Empfindungen; und er schreibe nur auf, was sein Herz diktiere: „Ich verfolge einem musikalisch-psychologischen Weg …. Um die innere Kraft der Musik zu suchen, musste ich alle möglichen kompositorischen Mittel benutzen, die sonst von den Autoritäten und Konventionen verboten oder geächtet sind: unaufgelöste Schlüsse, ungleiche Perioden, lang anhaltende Repetitionen, Parallelbewegungen der Akkorde, Ostinati und Ganztonskalen. Ich musste polytonale Akkorde bis zu Septimen und Nonen auf ihre Wirkung erforschen, fantastische, überirdische Szenerien hervorzurufen. Aber solche objektiven Merkmale waren kein abstraktes Ziel, sondern geschahen von selbst; ich suchte sie nicht aus und erfand sie nicht. Die Empfindungen sollten selbst diesen Klängen innewohnen. Klänge um ihrer selbst willen zu erschaffen, war nicht meine Absicht. Mein Gegenstand ist einzig und allein, eine Kombination von Klängen zu finden, die Gefühle vermitteln. Sie sollen die Hörer vergessen lassen, dass sie im Konzertsaal sind und den Interpreten bei der Arbeit beobachten.“

Jan Brachmann schrieb in der FAZ vom 20. 8. 2020:

„Der hochoriginelle russische Komponist Wladimir Rebikow experimentierte mit Melodramen und Pantomimen, und er verwendete sogar schon Cluster. Hundert Jahre nach seinem Tod lohnt sich die Entdeckung. Mit seinem psychologischen Symbolismus fand er kaum eine geistige Heimat in einem Russland, das sich ästhetisch und politisch mehr und mehr radikalisierte. Die Februarrevolution 1917 hatte er emphatisch begrüßt, der Bürgerkrieg stürzte ihn ins Elend. In seinem Testament verfügte er, von den Einnahmen seiner Werke solle in Moskau ein Volkshaus mit Bibliothek und Konzertsaal gebaut werden. Doch die neue Welt hatte kein Interesse mehr an ihm und seinem Werk.“


Weiterlesen:
> Debussy hat mir die Akkorde geklaut!
Jan Brachmann, FAZ 20. 8. 2020