In Memoriam

Ulrich Eckhardt 28. Mai 1932 – 30. Dezember 2025


Die traurige Nachricht von Ulrichs Tod hat uns alle, die das Privileg hatten, mit ihm zusammenzuarbeiten und sein Genie zu erleben, tief getroffen. Kent Nagano


Seine Sensibilität war auf die schöpferischen Umwälzungen in der Kunst fokussiert. Ulrich Eckhardt war ein hervorragender Kämpfer für seine Überzeugungen. Kulturell wurde die Bundesrepublick eine andere als davor. Theater, Malerei, Musik, Literatur konnten jetzt mit seinen Impulsen eine Reife bekommen, weil sie wieder mit der Außenwelt auf Augenhöhe im Dialog standen. Juan Allende-Blin


Ulrich Eckhardt hat nicht nur kulturpolitische Stadtgeschichte geschrieben, sondern für ganz Deutschland wie international richtungsweisende, mutige künstlerische Programme entworfen und gesellschaftlich relevante Themen gesetzt. Er war ein genialer Netzwerker, ob vor der Wende als ‚geheimer‘ kulturpolitischer Gesprächskanal zwischen dem Westberliner Senat und dem Ostberliner Magistrat oder, als er nach der Wende die Politik von der Notwendigkeit zu überzeugen wusste, dass auf die politische auch eine kulturelle Wiedervereinigung folgen müsse. Jahr für Jahr überzeugte er zahlreiche Kulturschaffende der Stadt als Kooperationspartner von den Themen, die er mit den Berliner Festwochen prominent und stadtweit künstlerisch wie diskursiv zu setzen verstand. Er prägte das Kulturleben Berlins ebenso wie ein modernes, erinnerungsbewusstes und zukunftsoffenes Kulturverständnis in Deutschland so lange und nachhaltig wie kaum ein Zweiter.
Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele


Er etablierte und entwickelte die verschiedenen Festivals und Kulturprogramme der Festspiele, hegte sie institutionell ein, so dass sie sich nicht nur auf repräsentative und glamouröse Events und die Funktion als Schaufenster des Westens beschränkten, sondern darüber hinaus einen von der Avantgarde, der kulturellen Selbstkritik und dem internationalen Dialog getriebenen Werkstattcharakter annehmen konnten. … Für eine allgemeine Entmutigung, die sich in die Trauer über diesen Abschied mischen mag, würde Ulrich Eckhardt kein Verständnis aufbringen.
Ulrich Seidler, Berliner Zeitung


Kultur und Kunst sollten für alle da sein, der Kitt der Gesellschaft. Kultur kann durch das Event – Eckhardt war ein großer Eventmanager! – die Menschen begeistern, um neue, (selbst)-kritische Sichtweisen zu öffnen. Das war der eigentliche Sinn des Jazzfests, des Theatertreffens, der Ausstellungen und Konzerte, der Filmfestspiele, des grandios postkolonialen Horizonte-Festivals. …
Angesichts des Populisten- und Techno-Generalangriffs auf die liberale Demokratie kann ich nur sagen: Verteidigt das Lebenswerk von Männern wie Ulrich Eckhardt.
Nikolaus Bernau, Der Tagesspiegel


Den Berliner Philharmonikern fühlte sich Ulrich Eckhardt seit Herbert von Karajans Zeiten eng verbunden. In den Wendejahren 1989/90 hat er neben seiner Tätigkeit bei den Festspielen als Interimsintendant der Berliner Philharmoniker die Berufung Claudio Abbados zum Chefdirigenten begleitet und gemeinsam mit ihm weitreichende Neuerungen vorgenommen. Innerhalb weniger Monate entwickelten Abbado und Eckhardt genreübergreifende Zyklen und es entstanden die großen interdisziplinären Projekte: »Prometheus« (1991), »Hölderlin« (1992), und »Antike« (1993). Eckhardts Idee, dass sich Musik, Literatur und bildende Kunst gegenseitig befruchten sollten, war für die frühen 1990er-Jahre neu und setzte Maßstäbe. Sachlich und frei von Dünkel, neugierig und sensibel, höflich und zuvorkommend sowie zupackend und durchsetzungsstark, modernisierte Eckhardt während seiner kurzen Intendanz die Verwaltung der Berliner Philharmoniker. 
Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2000 blieb die Musik Ulrich Eckhardts große Leidenschaft. Die große Schuke-Orgel der Philharmonie Berlin lag ihm besonders am Herzen. 2008 überzeugte er die damalige Intendantin der Berliner Philharmoniker Pamela Rosenberg von seiner Idee, an vier Sonntagen pro Saison Orgelmatineen zu veranstalten. Die von ihm kuratierte Orgelreihe entwickelte sich schnell vom Geheimtipp zu einem großen Erfolg. Ulrich Eckhardt sorgte auch dafür, dass notwendige Reparaturen und Modernisierungen an dem Instrument vorgenommen wurden. Dass die Philharmonie Berlin heute eine der bedeutendsten Konzertsaalorgeln Europas besitzt, ist ganz wesentlich Ulrich Eckhardt zu verdanken. 
Berliner Philharmoniker


Im Engagement für das Neue, Unentdeckte, Verdrängte war Ulrich Eckhardt sozusagen ein natürlicher Freund des DSO (das bis 1993 RSO Berlin hieß). Viele wichtige Uraufführungen vertraute er dem moderne-erfahrenen Orchester an. Bei Schwerpunkten wie der Musik aus dem Exil, dem Blick auf die jüdische Traditionen oder der Auseinandersetzung mit osteuropäischer Avantgarde des 20. Jahrhunderts konnte er sich auf Engagement und Mitwirkung des Orchester verlassen. Weit über seine Intendanz hinaus – sie umfasste bei seinem Abschied im Jahr 2000 mehr als die halbe Geschichte des 1950 gegründeten Festivals – blieb er dem Orchester und seinen Musiker:innen verbunden. Er stand dem DSO mit Rat und Tat zur Seite, wenn es um die Lösung schwieriger künstlerischer und existenzieller Fragen ging. Im Buch zum 50-jährigen Bestehen des Orchesters entwickelte er aus seiner Managererfahrung Umrisse für die Gestaltung eines künftigen Musiklebens. Im Dramaturgenteam von Kent Nagano (Chefdirigent des DSO von 2000 bis 2006) brachte er seine konzeptionellen Ideen ein, die von historischem Weitblick gekennzeichnet waren. Als er sich nach seiner Zeit als Musikermöglicher wieder stärker dem eigenen Musizieren zuwandte, konzertierte er häufig mit Musiker:innen des DSO.
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin


Berlin als Fest und Spiel

Er leitete fast drei Jahrzehnte lang die Berliner Festspiele, vermittelte zwischen Ost und West, war ein führender Kopf der Kultur.
Es mag seltsam klingen, aber West-Berlin wirkte damals größer. Es herrschte eine Art Treibhausklima, Kultur hatte einen herausgehobenen Stellenwert, und das galt für Punk und Neue Wilde ebenso wie für die höheren Weihen. Ästhetik und Politik, das war in der Kultur der siebziger und achtziger Jahre und noch eine Zeit lang über die Wende hinaus kein Widerspruch. Ulrich Eckhardt stand mittendrin, war vorneweg, eine der bestimmenden Figuren damals. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.
Eckhardt, gebürtig aus Rheine in Westfalen, war Jurist und besaß eine Ausbildung im Klavierspiel und Dirigieren. Und das verband er virtuos. Von 1973 bis Ende 2000 war er Intendant der Berliner Festspiele. Eckhardt hat sie geprägt. …
Brücke nach Osten
Musik war seine Leidenschaft. Unter seiner Ägide entwickelten sich die Festwochen im September zu einem international bedeutenden Festival, da fehlte kaum ein berühmtes Orchester; jetzt heißt es Musikfest. Er setzte zugleich kulturhistorische Schwerpunkte wie die Preußen-Ausstellung 1981 im Gropius-Bau; ein Politikum seinerzeit. Eckhardt unterhielt Kontakte nach Ost-Berlin und darüber hinaus. Kultur war die Brücke. Man erinnert sich an Gastspiele aus Polen und der Sowjetunion in West-Berlin, mit Größen wie Andrzej Wajda und Anatolij Wassiljew. Aus heutiger Sicht, in der bedrückenden aktuellen Weltlage, wirkt da vieles wie Utopie.
Eckhardt galt als der Zeremonienmeister der Stadt im Westteil. Er organisierte die 750-Jahr-Feier und viele andere offizielle Veranstaltungen. Theatertreffen, Jazzfest und andere Festivals gehören zum traditionellen Angebot der Berliner Festspiele …
Lange Zeit residierte Eckhardt in einem Büro im Bikinihaus in der Budapester Straße, bei der Gedächtniskirche. Besuche beim Intendanten der Berliner Festspiele hatten etwas von einer Audienz. Und wie auch anders: Eckhardt hat etliche Kultursenatoren und Regierende Bürgermeister im Amt erlebt, ein Grandseigneur in einer Stadt, in der die politischen Talente fast immer importiert wurden. Er schien den meisten überlegen. …
Motor für Neues
Es war Eckhardts Idee, der Topographie des Terrors den Platz am Gropius Bau zu sichern, etwas, das bleibt. Lange Jahre war er auch für die Filmfestspiele zuständig. Er besaß eine kulturpolitische Machtfülle, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Er übte sie still und druckvoll aus, mit diplomatischem Geschick. 1989/90 fungierte er als Interimsintendant der Berliner Philharmoniker und begleitete die Berufung Claudio Abbados zum Chefdirigenten.
Ob Meta-Musik oder Schülertheatertreffen, Berliner Lektionen oder Horizonte – Festival der Weltkulturen: Die Berliner Festspiele funktionierten wie ein Innovationsmotor. Das ist vor allem auch Eckhardts Mitarbeitern zu verdanken, die sich mit ihren Ideen und Visionen in dem vergleichsweise kleinen Betrieb durchsetzen konnten. …
Es war bis zuletzt die Musik, die ihn antrieb. Er spielte die Orgel in der Jesus-Christus- und St.-Annen-Kirche in Berlin-Dahlem. Historische Instrumente in den Kirchen im Umland begeisterten ihn. Die Orgel, das war auch im kulturpolitischen Sinn sein Metier. Ohne Übertreibung kann man sagen: Er hat sämtliche Register gezogen.
Rüdiger Schaper, Der Tagesspiegel 


Am 4. Januar 2026 fand in der Kapelle „Der heilende Brunnen“ zu St. Ulrich im Schwarzwald (unterhalb der Barockkirche St. Ulrich) ein kurzes Memorial statt, bei dem Einspielungen von Ulrich Eckhardt erklangen, u.a. eine Toccata von Claudio Merulo.
Ulrich Eckhardt ist in Freiburg aufgewachsen (in der Gartenstraße) und hat dort als Kind einen Teil des Krieges miterleben müssen. Wir fuhren bisweilen gemeinsam nach St. Ulrich. An der Kapelle „Der heilende Brunnen“ angelangt erzählte er mir, seine Mutter habe ihn als kleinen Knaben in diese Brunnenkapelle geführt und seine Augen mit dem Brunnenwasser genetzt. Es galt und gilt dort die Sage, daß die Benetzung der Augen mit diesem Wasser ein lebenlanges, gesundes Augenlicht verspricht. 
Ausserdem spielte Ulrich Eckhardt für uns in der Barockkirche zu St. Ulrich, die er oft besuchte, einst ein komplettes Merulo-Programm auf der Orgel – Merulo war hierzulande bis dato kaum bekannt.
Dirk Nabering, ehemaliger Musikchef der Berliner Festspiele

Foto oben: Bernd Krüger