Die Tragödie des Menschen unter Menschen

Anmerkungen zu Komponisten

Juan Allende-Blin


Foto Jan Rothstein

Wenn bedenkliche kulturelle Fehlentwicklungen zu beklagen sind, kommt es auf die Widerstandskraft des Einzelnen an, wie er ohne Kompromisse mit Mut und Entschiedenheit ein ethisch fundiertes, humanistisch geprägtes Ideal musikalischer Praxis verteidigt. Juan Allende-Blin gehört heute zu den hervorstechenden Persönlichkeiten, die durch Anregungen, Entwürfe und ihre sorgfältige Ausführung das kulturelle Leben vor Verarmung und Verflachung schützen wollen. Das gilt für den Komponisten ebenso wie für den Entdecker, der aus dem aktiven Musikleben verdrängte, verfemte, exilierte Komponisten dem Vergessen entreißt und in das Repertoire zurückführt.

Da kam ein junger Musiker und Forscher aus Chile nach Westdeutschland, um festzustellen und nicht zu akzeptieren, daß die ästhetische Diktatur der Nazizeit anhaltend wirksam war daß das Unrecht der Vertreibung und Auslöschung nicht beseitigt wurde, daß ein notwendiger radikaler Neubeginn ausblieb. So verschrieb er sich dieser geistigen und künstlerischen Mission. Wir verdanken ihm zahlreiche Impulse zur Bereicherung des Repertoires entgegen dem allgemeinen Trend zur Einengung: von Debussys „La Chute de la maison Usher“ über „Musik um 1900“ zum russischen Symbolismus und Futurismus und zu aktuellen Wiederentdeckungen wie beispielsweise Erich Itor Kahn.

Und noch etwas zeichnet den Künstler Juan Allende-Blin aus: Er versteht die Musik als Teil der geistigen Welt, als Mittel der Aneignung, weit über das Ästhetische hinaus, als Ausdruck von Humanität, von Leidensfähigkeit ebenso wie von Visionen für eine bessere Welt. Diese Einstellung lehrt ihn, Musik stets als Ausdruck gesellschaftlicher Realität und als Widerschein historischer Abläufe zu verstehen. Höchster Anspruch in der Ausführung und Interpretation von Kompositionen ist da nur selbstverständlich, wenn solcher Eros die Arbeit bestimmt. (…)

Nicht ohne Bewunderung für diesen Inspirator und Humanisten blicke ich zurück auf eine bis ins Jahr 1974 zurück reichende Zusammenarbeit; die Berliner Festwochen verdanken ihm wesentliche Impulse für ihre Programmatik im Dienste der Rehabilitierung verfemter, verdrängter, ins Exil getriebener und weiterhin nicht im Kulturleben präsenter Künstler. Meine hohe persönliche Wertschätzung gilt einem bedeutenden Musiker, einer umfassend gebildeten, historisch und gesellschaftlich bewussten Persönlichkeit und darüber hinaus einem liebenswerten, hochgebildeten, feinsinnigen Menschen.

Ulrich Eckhardt, 1998 / 2017

Isang Yun


Ulrich Eckhardt und Isang Yun

Die Tragödie des Menschen unter Menschen, Not, Krankheit, Tortur, Entwürdigung, Erniedrigung, Einsamkeit, Not und Exil durchziehen die Biographie des Komponisten Isang Yun; aber er vereinzelte und verhärtete sich nicht, wurde nicht mißtrauisch oder zynisch, sondern gewann daraus seine politischen Ideale der Mitmenschlichkeit, der Leidensfähigkeit, der Humanität, und diese schlagen sich auch in seinem Schaffen nieder. (…) Also mischt er sich ein, überschreitet die Grenzen sich selbst genügender Kunstübung. (…)

Für einen Künstler muß es ein besonderes Gefühl sein, wenn sich in ihm die kulturellen Interessen beider verfeindeten Seiten finden können, wenn er mit ein und derselben Botschaft gleichermaßen in Nord- und Südkorea gehört wird. Wenn Isang Yun in seinem Schaffen an Elementen traditioneller koreanischer Musik festhält, so kann dies über den ästhetischen Aspekt hinaus als deutliches Zeichen politischen Verantwortungsbewußtseins verstanden werden. Sein Appell und sein politisches Engagement gehen über diffuses, unverbindliches Beschwören von Versöhnung, Frieden und Freiheit hinaus, haben vielmehr klare inhaltliche Vorstellungen über die Elemente, aus denen eine künftige gesamtkoreanische Gesellschaft gebaut werden sollte. In seinen Kompositionen werden metaphorisch die Komponenten nachgezeichnet: Aus der Verwurzelung in der nationalen Identität folgt die Überwindung lang anhaltender Fremdbestimmung, sei sie ideologisch oder ökonomisch; die historische Autonomie wirkt gegen den Kolonialismus; nationalistische Abgrenzung wird überwunden durch schöpferische Anwendung westlichen Handelns und Denkens. Der Komponist genießt als einheitsstiftende Symbolfigur nicht nur das Vertrauen der oppositionellen Kräfte im Lande und außerhalb des Landes, sondern wird auch von den derzeit agierenden Politikern nolens volens wegen seines internationalen Renommees geachtet. Seine patriotisch-revolutionäre Haltung wird verstanden, weil sie sich nicht hinter ästhetischen Positionen versteckt. Vermutlich ist dies die tiefste und eigentliche Antriebskraft im Schaffen Yuns. Das treibt ihn wirklich voran, ist ihm vermutlich mehr wert als alle künstlerischen Erfolge im Westen. Seine weltweite Anerkennung als führender Komponist zeitgenössischer Musik in der Gegenwart nutzt er konsequent als Waffe gegen Diktatur und für Demokratie.

Ulrich Eckhardt, aus der Laudatio zur Verleihung der Plakette der Freien Akademie in Hamburg am 7. Dezember 1992